Lachen ist gesund oder Spitz auf Knopf
Es gibt Tage, da geraten selbst Weinpiraten in schwere See und rauhes Wetter..
Es hat mich in eine Klinik für Nuklearmedizin verschlagen...
Wer hierhin kommen muss, hat es in der Regel mit anderen Problemen zu tun als den Nachwirkungen von Mumps oder Scharlach.
Ich bin begleitend da...
eine sogenannte "Routineuntersuchung"...
sicherheitshalber ...
aber was heißt hier schon "Routine"...
und was bedeutet hier das Wort "Sicherheit"...?
In meiner Wartestellung in der Besucherecke an einem großen Tisch liegen Zeitschriften.
Direkt hinter mir am sonnigen Fenster stehen noch zwei kleinere Tische.
Die werden kurze Zeit später okkupiert.. der eine von einer großen schwarzhaarigen Frau,
ein Bild von einer Matrone, der andere von einem dünnen älteren Herrn,
der mich mit seinen fahrigen und klapprigen Bewegungen an einen von der Wand gehüpften Hampelmann erinnert.
Zwischen beiden entspinnt sich sofort ein Gespräch und es wundert nicht, dass es um ihre Krankheiten geht.
Es wundert viel mehr, in welcher Direktheit die beiden ihre Krankheitsbilder zu Gehör geben, so, als müssten sie sich gegenseitig übertreffen, und den Umstand ignorieren, dass ein Dritter mithören muss.
Eine jüngere, eher unscheinbare Frau betritt schüchtern die Ecke,
grüßt kurz, nimmt auf dem freien Stuhl an meinem Tisch Platz und vertieft sich sofort in ihr mitgebrachtes Buch.
Die Matrone hinter mir legt wieder einen vor, indem sie bedauert,
dass sie "iwwer drei Johr nix von ihrer krebsischer Schilddrüs gewusst hott".
Das erzeugt bei Hampelmann nur ein kehliges Lachen. "Iwwer zehn Johr, glaawense mirs, gudd Fra, iwwer ganze zehn Johr lang hott sich e Tumor bei mir im Geheern oigenisst.. un isch hanns nitt gemerkt!"
" Und Sie...?" wendet sich die Matrone an unseren Tisch.
"Ich begleite jemand," antworte ich und versuche locker zu bleiben, "aber wenn ich was haben sollte, so gehts mir wie dem Hernn da, ich habs noch nitt gemerkt!"
"Awwer Sie! Sie hawwe es wohl aach an der Schildrüs ... weeschen dem do!"
Die Hand der Matrone legt sich auf ihre ausladende Brust.
Zum ersten Mal fällt der Blick auf den hohen Ausschnitt der jungen Frau und der krumme blaue Strich, der dort rauslugt und den man für den Ausläufer eines Brust-Tattoos halten könnte, entpuppt sich plötzlich als die Vorzeichnung eines operierenden Arztes.
Beklemmung ...
Die Angesprochene nestelt verlegen daran herum und erwidert leise: "Nein, ich habe nichts an der Schilddrüse."
Die Matrone will nachhaken, da sagt die leise Stimme: "Ich habe Brustkrebs."
Der Satz steht einen Moment still im Raum,
Blicke treffen sich,
jemand ringt um Fassung.
"Gucke se mich an", schaltet sich nun Hampelmann ein. "Isch bin jetzt iwwer achtzisch Joahr ..
un was haawe se schon an mir geschnitte..
unne an de Baan,
zwischen de Baan,
am Kopp.
Isch hann alles iwwerstanne.. Immer weiter.."
"Ja eben", ruft die Matrone, "Bruschtkrebs hann ich aa schon gehabt!
Isch hatt en Tumor, meiner war iwwer drei-fünf! ... Wie groß issen ihrer?"
Die Frau mit der leisen Stimme schaut hilfesuchend zu mir und während ich noch überlege,wie dieser Indiskretion angemessen begegnet werden kann, sagt die leise Stimme fast anklagend:
"Morgen werde ich operiert! Ich habe ZWEI!"
Ihre mühsam gewahrte Contenance ist nun dahin,
sie schluchzt mehrmals laut auf,
sucht nach ihrem Taschentuch,
dicke Tränen rinnen über die Wangen,
feuchte Augen glitzern,
Lidschatten verschwimmt,
Verzweiflung und Angst stehen ihr ins Gesicht geschrieben.
Schweißperlen auf der Stirn, kommt mir jemand in den Sinn, der mir sehr nahe ist und vor Jahren Ähnliches allein durchstehen musste.
Himmel hilf!
Die Matrone ist verstummt, aber da meldet sich Hampelmann unvermittelt, viel zu laut und wie beschwörend zu Wort:
"De Schlund hannse ma uffgeschnitt ...
oi Stimmband is seither gelähmt..
na unn? ...
Dann sinn se mir durch die Nas mitte in de Kopp eninn ...
do iss rischtisch problematisch worn..
es G`HEERN woar ma fottgelaaft!! ..
NA UNN?" ...
Dieses Staccato an surrealen Bildern bringt ein übervolles Fass an Emotionen zum Überlaufen!
Wir schauen einander erst mit großen Augen an, dann ein bricht ein unterdrücktes Glucksen aus uns heraus und mündet in ein schallendes Lachen.. ...
ein lautes befreiendes Lachen ...
in das auch die Matrone mit ihrer dunklen Stimme einfällt, weil weglaufendes "G`heern" wohl nicht mehr getoppt werden kann ...
und auch von Hampelmann kommt sein kehliges, stimmbandmäßiges Halb-Lachen, wohl aus der Freude, dass ihm so ein Brüller gelungen ist.
Die besorgten Blicke des herbeigeeilten Personals, die die Frage erkennen lassen, ob man uns Vieren vielleicht etwas falsches gespritzt hat, befeuert unser Lachen bis zur Bauchwehstärke, verwandelt Angst- in Lachtränen und macht uns zu Verbündeten.
"Lach, Mädche... Lach! S'gilt noch immer: Lachen iss gesund!!", krächzt Hampelmann.
Wo er Recht hat... hat er recht!
Kurz darauf werde ich aus der Besucherecke abgeholt und in die eigene Realität katapultiert.
Als ich mich von den Dreien verabschiede, habe ich das Gefühl, dass der ältere Herr und die große Frau gewappnet in die nächste Runde ihres Kampfes gehen.
Bei der Frau mit der leisen Stimme bin ich mir nicht so sicher.
Unsere Konventionen gestatten es , Ihr besonders Mut zuzusprechen, aber sie geben nicht her, Sie nach dem genauen OP-Termin zu fragen, damit wir dann besonders an Sie denken und ihr Kraft geben können.
Aber unsere Gedanken sind am Folgetag sowieso sehr stark mit der Klinik verbunden.
Und so haben wir in "St. Stephan" Leuchtfeuer angezündet und den "Herrn aller Reusen" dort freundlichst gebeten, auch ein Auge auf die Frau mit der leisen Stimme zu werfen und ihr an den Klippen ihrer Lebensroute beizustehen.
Beschlossen & gesiegelt
Die Weinpiraten
Earl of Grey
Aprilmond
im Jahre des Herrn 2012
50°nördl.Br./6°90'12''östl.L.






































