Weinpiraten - Logbuch

Weinpiraten - Logbuch

weinpiraten  //  Unsere Lage: 50° Grad 00' 00" nördlicher Breite
06° Grad 90' 12" östlicher Länge

May 10 / 12:24am

Stantonytest oder Walther erzählt einen Witz

Es gibt Tage, da kommt es knüppeldick.

So vor einigen Montagen, als die Weinpiraten

gerade die Anker lichten wollen, um den

ganz normalen Kapertätigkeiten nachzugehen.

Ein Bote bringt ein Telegramm:

Wichtiges Treffen – Stop -

heute Abend 19:00 – Stop -

Mit Säbel und Degen – Stop -

Die Rieslingfürsten – Stop -

Zapperlot, so kurzfristig, muss wichtig sein,

Kursänderung mit neuen Zeitangaben.

Gute Gelegenheit, den „stantonytest“ durchzuführen.

Die Mädels und Jungs aus St.Antony Nierstein haben uns

wieder zwei 2009er Weine zum Test zugeschickt.

Abends wollen wir den Landgang mit unserem roten

Mosel Ferrari verkürzen, da kommt die Frage auf:

Wie transportiert man sachgerecht ökologische Weine?

Doch sicher nicht mit einer Benzinschleuder!

Eine ökologisch orientierte Bekannte (keine Ökotante)

leiht uns ihren Packesel mit Korb.

Der kennt die Strecke schon und nach einigen

energischen Tritten biegt er willig in Richtung Treffpunkt ein.

Pünktlich sind fast alle versammelt:

Großes Hallo! Wo brennt es?

Es gibt nur einen Tagungsordnungspunkt.

Ein befreundeter Rieslingfürst vom 50. Breitengrad rundet

beim Geburtstag und hat zur Feier eingeladen.

Was schenken wir, was wird an Überraschung dargeboten?

Diese freudige Überraschung der Einladung wird erst einmal

mit einem 2007 Rieslingsekt vom Weingut Stiftung

St. Nikolaus-Hospital aus Bernkastel-Kues begossen.

Dieser Sekt ist ein wahrer Lässigmacher, perlt angenehm

und sofort lassen alle den Alltag hinter sich.

Die Aufgaben sind schnell verteilt.

Rieslingfürst Franz als erfahrener Verwalter zeigt sich

zuständig fürs Protokoll.

Rieslingfürst Walther als Hausherr übernimmt selbstredend die

Versorgung an Flüssig- und Festnahrung.

Die Reihenfolge entspricht der Bedeutung und der  Wichtigkeit.

Deshalb startet er mit einem 2008er Chassellas Chardonne

aus der Schweiz. Das ist ein feines Stöffchen,

sehr ausgewogen, dezente Säure, ein wunderbarer Vesperwein,

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Neue Vorschläge zur Feier werden erbeten:

Man ist sich einig, KEIN Tanzen und Rundgesang,

das hatten wir schon alles zur Genüge.

Die Vorschläge tröpfeln nur zaghaft, deshalb entschließen sich

die Weinpiraten, den 2009er Weißburgunder von St. Antony Nierstein

in den Ring zu schicken.

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Der erste Schluck..uups ..was für ein zartes Kerlchen gegen den vorher

aufgetretenen Chassellas.

Der zweite Schluck offenbart dann eine feine Eleganz, wenig Säure,

Geschmack geht leicht ins Nussige, solider Abgang.

Ein Weißburgunder von der zarten Sorte, die Weinpiraten als auch die

Rieslingfürsten mögen solche Weine.

Unterstützung kommt aus der Küche. Walther trägt den von der

aushäusigen Hausherrin liebevoll vorbereiteten Thunfischtatar herein

sowie Bärlauchpesto, frisch zubereitet, mit Brot.

Thunfischtatar und Weißburgunder finden wunderbar zueinander.

Der Bärlauch passt zum Weißburgunder weniger, da sehr dominant.

Über die Abenteuer bei der Bärlauchsuche möchte Rieslingfürst Richard

in einem elegischen Gedicht berichten, doch die Mehrheit der

Anwesenden ist der Meinung, dass die Welt doch größere Abenteuer

für den Jublilar bereithalten muss.

Rieslingfürst Paul kommt aus einer Ortschaft, die sich auf Möhren reimt

und breitet mit ungebremster Begeisterung die entsprechende Idee aus.

Alle stehen hinter einem Klavier auf der Bühne – nein, nicht nackt-,

immerhin angezogen mit weißen Fingerhandschuhen und Zylinder und

jeder schlägt für sich zum taktisch richtigen Zeitpunkt einen Ton an,

- wie gesagt mit erhobenen Händen -

der sich dann im Gesamtklangbild zu einer großartigen

Geburtstagshymne für den Jubilar zusammenfindet.

Große Begeisterung auf allen Seiten, das hört sich gut an.

Endlich eine gute und ausgefallene Idee! Alle sind Feuer und Flamme!

Wer will da noch zurückstehen?

Rieslingfürst Karl tut es, bei uns im Bunde zuständig  für Compliance,

also Sitte und Anstand, allerdings ohne Weisungsbefugnis.

Er findet die Idee toll, gibt aber zu bedenken, dass an einem solchen

Abend damit gerechnet werden muss, dass Damen anwesend seien.

Das lässt keinen der Anwesenden zurückzucken, weshalb Karl zum

Killerargument greifen muss. Die hoch betagten, aber sehr rüstigen

Eltern des Jubilars seien zugegen, die ein differenziertes

Geschmacksempfinden für diesen Auftritt entwickeln könnten.

Schweren Herzens wird beschlossen, aus Rücksicht auf die

anwesenden älteren Semester auf diesen tollen Auftritt

zu verzichten.

 

Was nun?

In diesem Moment tritt Walther wieder auf den Plan:

„Dann erzähle ich einen Witz!“

Diese Bemerkung wird von den Anwesenden normalerweise immer

wie eine Drohung behandelt, also ablehnend.

Doch der unternehmerische Rieslingfürst Walther

macht sich die Gunst der Stunde

zunutze und erzählt seinen Lieblingswitz über Beamte und

Verwaltungsleute, der mit „Sprechen im Schlaf“ und „Arztbesuch“

umfassend beschrieben ist und in der Mörderpointe mündet:

„Die Kollegen lachen schon über mich“!

Als diese ertönt, wird es mucksmäuschenstill im Raum.

Keiner lacht. Weder die anwesenden beamteten Rieslingsfürsten

noch die unbeamteten Weinpiraten, die aus Neutralitätsgründen

stumm bleiben.

Das sind die Momente, in denen die Staubkörner in der Luft zu Eis

erstarren, wenn sie denn da wären.

Doch haben alle den Walther „im Bohren dicker Bretter“ unterschätzt.

Statt eines geordneten Rückzuges greift er nochmals frontal an.

Er erzählt den gesamten Witz in seiner epischer Breite noch einmal,

so, als müsste er einer begriffsstutzigen Altersheimgemeinschaft

mal richtig auf die Sprünge helfen. Und er setzt dabei seine stärkste

Waffe ein: sein ansteckendes Lachen.

Während er sich so zur Pointe windet, zucken die ersten Mundwinkel

der Beamten und signalisieren den Abwartenden: Ablachen empfohlen!

Und tatsächlich, Walther gibt keine Ruhe, bis die ganze Meute mitlacht.

Schon längst lacht niemand mehr über den Witz, sondern nur noch über

den fast in sich zusammenbrechenden, kichernd schluchzenden Walther.

Tolle Show.

Einstimmig wird beschlossen, dass Walther auf der Feier auftreten

darf.

So schreibt der protokollierende Rieslingfürst Franz unter TOP1 ins Heft:

 

                                           Walther erzählt einen Witz!

Da der Hausherr nun temporär als Mundschenk ausfällt, ergreifen die

Weinpiraten kurzerhand die Initiative und kredenzen den

2009er Riesling Rotschiefer St. Antony aus Nierstein.

Originalauszüge aus den Kommentaren:

-          Hefe in der Nase,

-          Ein bisschen ruppig

-          Zu früh probiert,

-          Kann noch werden,

-          Gute Ansätze, erst mal hinlegen,

-          Ist das ein Riesling?

-          Muss noch zur Ruhe kommen,

-          Der Wein ist sauber gemacht,

Die Weinpiraten haben ja schon das erste Paket probiert

und fügen an: Da ist der Bodenschatz schon etwas weiter.

 

Fazit:

Die Weinpiratenrange sieht  Weißburgunder und Bodenschatz vorn,

gefolgt von Rotschiefer und Rosé.

Schöne Idee des Testens, denn einigen Leuten war dieses ambitionierte

Weingut aus Nierstein bislang nicht bekannt.

Ein vielfaches Dankeschön - in allerschärfster Form - an die Initiatoren!

Apropos Ohren.

Nachdem der Rotschiefer den Appetit auf Riesling geweckt hat, rufen

die Anwesenden nach dem Hausherrn sowie

nach Riesling Nachschub, erst halbtrocken, dann feinherb, dann lieblich.

Dieses Rufen fällt in Gottes Gehörgang, denn

es ist das Spezialgebiet von Walther, der,  nun wieder zu Kräften

gekommen, zwischen Weinschrank und Tagungsraum hin und her jagt

wie ein Riesling Junkie auf Entzug.

Seine tolle Weinversorgung verdient ein großes Lob von allen,

sowie eine Erwähnung im Bild:

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Die nun folgenden Riesling Sternstunden haben die Gruppe sensorisch

weitergebracht, aber leider weitere Geistesblitze zur Feier verhindert.

Halt, da war noch die zündende Idee einer spontanen abgehaltenen

Gedenkminute zugunsten des Jubilars und dem offen

ausgesprochenen Bedauern, dass er von der feuchtfröhlichen

Vorbereitung seiner eigenen Feier

aus Überraschungsgründen ausgeschlossen bleiben muss.

Als wir uns spät in der Nacht wieder auf den Heimweg machen, sind

wir uns alle einig, dass dieses Treffen äußerst wichtig war – für uns.

Und die Geburtstagsfeier?

Da macht euch bitte keine Sorgen.

Wir sind ja gut vorbereitet.

Denn wir haben ja TOP1:

                                                         –Walther erzählt einen Witz!--

 

   Die Weinpiraten

Ostermond

im Jahre des Herrn 2010

50°nördl.Br./6°90'12''östl.L.