Stantonytest oder Walther erzählt einen Witz
Es gibt Tage, da kommt es knüppeldick.
So vor einigen Montagen, als die Weinpiraten
gerade die Anker lichten wollen, um den
ganz normalen Kapertätigkeiten nachzugehen.
Ein Bote bringt ein Telegramm:
Wichtiges Treffen – Stop -
heute Abend 19:00 – Stop -
Mit Säbel und Degen – Stop -
Die Rieslingfürsten – Stop -
Zapperlot, so kurzfristig, muss wichtig sein,
Kursänderung mit neuen Zeitangaben.
Gute Gelegenheit, den „stantonytest“ durchzuführen.
Die Mädels und Jungs aus St.Antony Nierstein haben uns
wieder zwei 2009er Weine zum Test zugeschickt.
Abends wollen wir den Landgang mit unserem roten
Mosel Ferrari verkürzen, da kommt die Frage auf:
Wie transportiert man sachgerecht ökologische Weine?
Doch sicher nicht mit einer Benzinschleuder!
Eine ökologisch orientierte Bekannte (keine Ökotante)
leiht uns ihren Packesel mit Korb.
Der kennt die Strecke schon und nach einigen
energischen Tritten biegt er willig in Richtung Treffpunkt ein.
Pünktlich sind fast alle versammelt:
Großes Hallo! Wo brennt es?
Es gibt nur einen Tagungsordnungspunkt.
Ein befreundeter Rieslingfürst vom 50. Breitengrad rundet
beim Geburtstag und hat zur Feier eingeladen.
Was schenken wir, was wird an Überraschung dargeboten?
Diese freudige Überraschung der Einladung wird erst einmal
mit einem 2007 Rieslingsekt vom Weingut Stiftung
St. Nikolaus-Hospital aus Bernkastel-Kues begossen.
Dieser Sekt ist ein wahrer Lässigmacher, perlt angenehm
und sofort lassen alle den Alltag hinter sich.
Die Aufgaben sind schnell verteilt.
Rieslingfürst Franz als erfahrener Verwalter zeigt sich
zuständig fürs Protokoll.
Rieslingfürst Walther als Hausherr übernimmt selbstredend die
Versorgung an Flüssig- und Festnahrung.
Die Reihenfolge entspricht der Bedeutung und der Wichtigkeit.
Deshalb startet er mit einem 2008er Chassellas Chardonne
aus der Schweiz. Das ist ein feines Stöffchen,
sehr ausgewogen, dezente Säure, ein wunderbarer Vesperwein,
Neue Vorschläge zur Feier werden erbeten:
Man ist sich einig, KEIN Tanzen und Rundgesang,
das hatten wir schon alles zur Genüge.
Die Vorschläge tröpfeln nur zaghaft, deshalb entschließen sich
die Weinpiraten, den 2009er Weißburgunder von St. Antony Nierstein
in den Ring zu schicken.
Der erste Schluck..uups ..was für ein zartes Kerlchen gegen den vorher
aufgetretenen Chassellas.
Der zweite Schluck offenbart dann eine feine Eleganz, wenig Säure,
Geschmack geht leicht ins Nussige, solider Abgang.
Ein Weißburgunder von der zarten Sorte, die Weinpiraten als auch die
Rieslingfürsten mögen solche Weine.
Unterstützung kommt aus der Küche. Walther trägt den von der
aushäusigen Hausherrin liebevoll vorbereiteten Thunfischtatar herein
sowie Bärlauchpesto, frisch zubereitet, mit Brot.
Thunfischtatar und Weißburgunder finden wunderbar zueinander.
Der Bärlauch passt zum Weißburgunder weniger, da sehr dominant.
Über die Abenteuer bei der Bärlauchsuche möchte Rieslingfürst Richard
in einem elegischen Gedicht berichten, doch die Mehrheit der
Anwesenden ist der Meinung, dass die Welt doch größere Abenteuer
für den Jublilar bereithalten muss.
Rieslingfürst Paul kommt aus einer Ortschaft, die sich auf Möhren reimt
und breitet mit ungebremster Begeisterung die entsprechende Idee aus.
Alle stehen hinter einem Klavier auf der Bühne – nein, nicht nackt-,
immerhin angezogen mit weißen Fingerhandschuhen und Zylinder und
jeder schlägt für sich zum taktisch richtigen Zeitpunkt einen Ton an,
- wie gesagt mit erhobenen Händen -
der sich dann im Gesamtklangbild zu einer großartigen
Geburtstagshymne für den Jubilar zusammenfindet.
Große Begeisterung auf allen Seiten, das hört sich gut an.
Endlich eine gute und ausgefallene Idee! Alle sind Feuer und Flamme!
Wer will da noch zurückstehen?
Rieslingfürst Karl tut es, bei uns im Bunde zuständig für Compliance,
also Sitte und Anstand, allerdings ohne Weisungsbefugnis.
Er findet die Idee toll, gibt aber zu bedenken, dass an einem solchen
Abend damit gerechnet werden muss, dass Damen anwesend seien.
Das lässt keinen der Anwesenden zurückzucken, weshalb Karl zum
Killerargument greifen muss. Die hoch betagten, aber sehr rüstigen
Eltern des Jubilars seien zugegen, die ein differenziertes
Geschmacksempfinden für diesen Auftritt entwickeln könnten.
Schweren Herzens wird beschlossen, aus Rücksicht auf die
anwesenden älteren Semester auf diesen tollen Auftritt
zu verzichten.
Was nun?
In diesem Moment tritt Walther wieder auf den Plan:
„Dann erzähle ich einen Witz!“
Diese Bemerkung wird von den Anwesenden normalerweise immer
wie eine Drohung behandelt, also ablehnend.
Doch der unternehmerische Rieslingfürst Walther
macht sich die Gunst der Stunde
zunutze und erzählt seinen Lieblingswitz über Beamte und
Verwaltungsleute, der mit „Sprechen im Schlaf“ und „Arztbesuch“
umfassend beschrieben ist und in der Mörderpointe mündet:
„Die Kollegen lachen schon über mich“!
Als diese ertönt, wird es mucksmäuschenstill im Raum.
Keiner lacht. Weder die anwesenden beamteten Rieslingsfürsten
noch die unbeamteten Weinpiraten, die aus Neutralitätsgründen
stumm bleiben.
Das sind die Momente, in denen die Staubkörner in der Luft zu Eis
erstarren, wenn sie denn da wären.
Doch haben alle den Walther „im Bohren dicker Bretter“ unterschätzt.
Statt eines geordneten Rückzuges greift er nochmals frontal an.
Er erzählt den gesamten Witz in seiner epischer Breite noch einmal,
so, als müsste er einer begriffsstutzigen Altersheimgemeinschaft
mal richtig auf die Sprünge helfen. Und er setzt dabei seine stärkste
Waffe ein: sein ansteckendes Lachen.
Während er sich so zur Pointe windet, zucken die ersten Mundwinkel
der Beamten und signalisieren den Abwartenden: Ablachen empfohlen!
Und tatsächlich, Walther gibt keine Ruhe, bis die ganze Meute mitlacht.
Schon längst lacht niemand mehr über den Witz, sondern nur noch über
den fast in sich zusammenbrechenden, kichernd schluchzenden Walther.
Tolle Show.
Einstimmig wird beschlossen, dass Walther auf der Feier auftreten
darf.
So schreibt der protokollierende Rieslingfürst Franz unter TOP1 ins Heft:
Walther erzählt einen Witz!
Da der Hausherr nun temporär als Mundschenk ausfällt, ergreifen die
Weinpiraten kurzerhand die Initiative und kredenzen den
2009er Riesling Rotschiefer St. Antony aus Nierstein.
Originalauszüge aus den Kommentaren:
- Hefe in der Nase,
- Ein bisschen ruppig
- Zu früh probiert,
- Kann noch werden,
- Gute Ansätze, erst mal hinlegen,
- Ist das ein Riesling?
- Muss noch zur Ruhe kommen,
- Der Wein ist sauber gemacht,
Die Weinpiraten haben ja schon das erste Paket probiert
und fügen an: Da ist der Bodenschatz schon etwas weiter.
Fazit:
Die Weinpiratenrange sieht Weißburgunder und Bodenschatz vorn,
gefolgt von Rotschiefer und Rosé.
Schöne Idee des Testens, denn einigen Leuten war dieses ambitionierte
Weingut aus Nierstein bislang nicht bekannt.
Ein vielfaches Dankeschön - in allerschärfster Form - an die Initiatoren!
Apropos Ohren.
Nachdem der Rotschiefer den Appetit auf Riesling geweckt hat, rufen
die Anwesenden nach dem Hausherrn sowie
nach Riesling Nachschub, erst halbtrocken, dann feinherb, dann lieblich.
Dieses Rufen fällt in Gottes Gehörgang, denn
es ist das Spezialgebiet von Walther, der, nun wieder zu Kräften
gekommen, zwischen Weinschrank und Tagungsraum hin und her jagt
wie ein Riesling Junkie auf Entzug.
Seine tolle Weinversorgung verdient ein großes Lob von allen,
sowie eine Erwähnung im Bild:
Die nun folgenden Riesling Sternstunden haben die Gruppe sensorisch
weitergebracht, aber leider weitere Geistesblitze zur Feier verhindert.
Halt, da war noch die zündende Idee einer spontanen abgehaltenen
Gedenkminute zugunsten des Jubilars und dem offen
ausgesprochenen Bedauern, dass er von der feuchtfröhlichen
Vorbereitung seiner eigenen Feier
aus Überraschungsgründen ausgeschlossen bleiben muss.
Als wir uns spät in der Nacht wieder auf den Heimweg machen, sind
wir uns alle einig, dass dieses Treffen äußerst wichtig war – für uns.
Und die Geburtstagsfeier?
Da macht euch bitte keine Sorgen.
Wir sind ja gut vorbereitet.
Denn wir haben ja TOP1:
–Walther erzählt einen Witz!--
Die Weinpiraten
Ostermond
im Jahre des Herrn 2010
50°nördl.Br./6°90'12''östl.L.